Kareem aus Tartus, Syrien, Ulli aus dem Ruhrgebiet, Deutschland und Kerstin aus dem Innviertel, Österreich erzählen von der Entstehung der tabadul Lernplattform. 

“Im September 2015 hat mich Kerstin angeschrieben, dass sie diese Idee hat von einer Webtraining-Deutsch-Online-Plattform und ich war schon begeistert. Ich war noch dabei, Deutsch zu lernen und dachte, ich bin jetzt vielleicht fähig, etwas zurückzugeben und meine Expertise und meine Erfahrungen auch zu teilen. Damals haben wir dann zu dritt angefangen”, erinnert sich Kareem, Gründungsmitglied von tabadul.

Gründungsmitglied Kareem

Es gibt doch bereits Menschen hier in Berlin mit Fluchthintergrund und mit arabischer Muttersprache, dachte Kerstin, die angewandte Sprachwissenschaften studiert und in Wien und Berlin einige Jahre lang als Deutschtrainerin gearbeitet hatte, bevor sie nach Berlin zog. “Mit ihnen zusammen kann man doch bestimmt etwas Aufbauen.” Sie erzählt von ihren ersten Gedanken, woraus später die tabadul Lernplattform entstehen sollte.

Kerstin kontaktierte Studierende mit arabischer Muttersprache und traf unter anderem auf Kareem, der BWL an der Uni Cottbus studiert. Gemeinsam mit weiteren Verbündeten ging es los, auch Kinan, Architekturstudent an der TU Berlin und ursprünglich aus Damaskus, war mit an Board: ein Name musste her, ein Konzept, mehr Mitglieder, eine Webseite, ein Logo: tabadul wurde geboren.

“In einer Ausnahmesituation müssen alle zusammenhelfen. Viele haben in dieser schwierigen Zeit ihre freie Zeit dafür gespendet, das beste aus der Situation zu machen und zu helfen, wo es geht”, erinnert sich Kerstin an den Sommer 2015, als viele Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet waren, in Europa eine neue Bleibe suchten. “Mit der eigenen Expertise unterstützen zu können, ist ein großes Glück. Mit dem, was ich gelernt habe, Menschen helfen zu können, die das gerade dringend benötigen, ist nicht nur selbstverständlich, sondern das empfinde ich als große Bereicherung.”
– Kerstin

Foto Kerstin Schachinger tabadul
Gründungsmitglied Kerstin

tabadul ist ein arabisches Wort für “Austausch”. Ein Ziel von tabadul war und ist es, eine internetbasierte, mobilfreundliche und frei zugängliche Lernplattform anzubieten, die Menschen aus dem arabischsprachigen Raum in ihrer Muttersprache Wissenswertes über die deutsche Sprache, Gesellschaft und Kultur zu vermittelt. Um dieses Ziel zu erreichen, musste jedoch erst eine Rechtsform geschaffen werden und es galt, Mitstreiter zu finden. 

“Gerade diese erste Zeit war bestimmt von sehr viel Ungewissheit … Es war eine spannende Zeit mit vielen Ideen und viel Probieren, aber wir wussten gleichzeitig auch nicht, worauf und auf wen wir uns verlassen konnten. Deshalb waren wir sehr froh, als Ulli zu uns stieß, der Erfahrung aus der IT-Branche, als auch in der Gründung eines Vereins mitbrachte.”
– Kerstin

Ulli war über einen Flyer von GoVolunteer auf tabadul aufmerksam geworden und wollte ebenfalls seine Expertise als Engagement einsetzen. So fing also das neu geborene Webteam von tabadul (mit Ulli, MichaKareem und Kerstin) mit der tatsächlichen Erstellung der tabadul Lernplattform an. Zunächst ging es an die Evaluation bestehender Angebote:

Gründungsmitglied Ulli

“Wir haben ein Anforderungsprofil entwickelt und damit begonnen, internetbasierte Lernplattformen verschiedener Anbieter zu evaluieren.”, erzählt Ulli. “Die angebotenen Lösungen waren kostenpflichtig und hätten unser Budget stark belastet. Bei unserer Evaluation mussten wir feststellen, dass bei aller Professionalität die Lösungen viele unserer Ansprüche nicht erfüllt hätten und auch Defizite hinsichtlich Flexibilität und Anpassungsmöglichkeiten aufwiesen. In der zweiten Phase der Evaluation haben wir Lösungen gesucht, die kostenlos sind und auf unserem Hosting-Anbieter, auf dem unsere Webseite läuft, realisierbar sind.

“Nach einem produktiven Diskussions- und Abwägungsprozess haben wir uns letztendlich für WordPress entschieden.” erzählt Ulli. “Dies ist eine weit verbreitete Open Source Software, die sich durch langjährigen Einsatz bewährt hat, deren administrative Bedienung und Nutzung gängigen Paradigmen folgt und die vor allem Möglichkeiten bietet, eigene Anforderungen durch selbst entwickelte Module/Erweiterungen realisieren zu können. Diese Vorgehensweise bietet uns größtmögliche Flexibilität, um die Lernplattform in einem kontinuierlichen Prozess unseren Bedürfnissen anpassen, unsere Erfahrungen und das Feedback unsere Zielgruppen einfließen lassen zu können.”

Ulli erzählt, wie WordPress vom tabadul Webteam dazu genutzt wurde, die tabadul Lernplattform aufzubauen und durch selbst entwickelte Erweiterungen zu optimieren: “Über einen Zeitraum von mehreren Monaten haben wir in einem kleinen Team eigene Erweiterungen/Funktionalitäten entwickelt, Anpassungen vorgenommen und die Lernplattform durch frei verfügbare, modifizierte Plugins ergänzt.” außerdem erzählt er.

“Bei der Entwicklung haben wir großen Wert auf die Reduktion von Komplexität, die Fokussierung auf das Wesentliche und eine einfache Navigation für die Nutzer*innen gelegt.”
– Ulli

Kerstin, studierte Linguistin und erfahrene Deutschtrainerin, hatte während der Evaluierungs- und der Entwicklungsphase ebenso ein besonderes Auge auf die Usability und die Perspektive der Lernenden. “Es musste möglichst einfach zu bedienen sein. Von Menschen, die wenig Lernerfahrung mitbringen, kann ich nicht erwarten, dass sie sich alleine mit einer komplexen Navigation einer Webseite auseinandersetzen. Die Inhalte, die von den Lernenden aufgenommen werden sollen, müssen im Vordergrund stehen und es muss ohne viel Erklärung klar werden, was zu tun ist.”

Kareem achtete wiederum darauf, dass die Lernplattform für den Gebrauch der arabischen Sprache einsetzbar wird. In seinem Blogartikel “Die größten Unterschiede zwischen Arabisch und Deutsch” geht Kareem auf die Besonderheiten ein, die Deutsch für arabische Muttersprachler schwierig machen.

Manche von diesen Unterschiede haben sich während der Entwicklung und des Aufbaus der Lernplattform klar gezeigt. Arabisch ist rechtsbündig, die arabische Schriftgröße war für die entsprechende deutsche manchmal zu groß oder zu klein, was dazu führte, dass manche Seiten unordentlich aussahen. Das sind nur einige Beispiele der Herausforderungen, die das Webteam lösen sollte. “Es war manchmal lustig”, erzählt Kareem, “wie ich dem Team Kleinigkeiten habe erklären müssen, wie die Ordnung der arabischen Buchstaben im Wort richtig ist oder warum das arabische Wort an dieser Stelle komisch aussieht!”

So konnte das Webteam nach einigen sehr produktiven Monaten die Prototypenentwicklung der tabadul Lernplattform abschließen. Alle Mitglieder hatten ihre freie Zeit gespendet, um eine nachhaltige, frei zugängliche Unterstützung für Geflüchtete mit arabischer Muttersprache zu entwickeln.

Ulli zieht Bilanz:

“Die Entscheidung für eine eigene Open Source basierte Lösung und die gemeinsame Entwicklung einer Lernplattform war zwar ein zeitintensiver, aber auch kreativer Prozess. Durch die Unterschiedlichkeit und Konstruktivität der Teammitglieder konnten didaktische, technische Perspektiven sowie Kenntnisse der arabischen Sprache in die entwickelte Lösung produktiv eingearbeitet werden, so dass am Ende alle mit dem Ergebnis sehr zufrieden waren.”
– Ulli

Parallel hatte das Videoteam von tabadul (mit Aladdin, Alaa, Elissa, Kareem und Kinan) erste unterhaltsame Videos auf Arabisch produziert, die grammatikalische Phänomene der deutschen Sprache aufgreifen. Vom E-Learning-Team (mit Elisabeth, Zahraa, Kareem und Kerstin) wurden dazu Übungen entwickelt und so konnten Ende des Jahres 2017 zwei Videolektionen für die Lernplattform fertiggestellt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit arabischer und deutscher Muttersprache stand hierbei immer im Vordergrund – tabadul möchte schließlich durch gelebte Zusammenarbeit gemeinsame Perspektiven entwickeln.

“Die gemeinsame Suche nach Lösungen, diese dann sie zu finden, und das voneinander Lernen waren so zufriedenstellend wie das, was am Ende rauskam, die Lernplattform selbst.
– Kareem 

Ein Meilenstein ist geschafft!

Im Januar 2018 ist es nun endlich soweit: das Ergebnis, worauf die Mitglieder von tabadul seit der ersten Stunde hingearbeitet haben, die tabadul Video-Lernplattform, kann der Öffentlichkeit präsentiert werden! Wir freuen uns und sind gespannt auf eure Eindrücke und euer Feedback. Hier geht es zur > tabadul Lernplattform!

Wie geht es weiter?

Die nächsten Schritte sind nun, die Lernplattform mit weiteren Videos und Lerninhalten zu füllen. Dabei könnt ihr uns unterstützen! Wie?

button unterstuetzen > http://tabadul-miteinander.de/mitmachen/unterstuetzen/

“Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, die Geschichte zur Entstehung der tabadul Lernplattform zu lesen. Wir freuen uns auf euer Feedback!”

Ulli, Kareem und Kerstin

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